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Kategorie: Anwalt Reiserecht , 10.10.2018 (Lesedauer ca. 4 Minuten)

Flug zu spät, fällt aus oder wird verlegt – Mit welcher Entschädigung können Fluggäste rechnen?

Flug zu spät, fällt aus oder wird verlegt – Mit welcher Entschädigung können Fluggäste rechnen? © mko - topopt

Kommt der Flieger zu spät oder fällt der Flug komplett aus, steht dem Fluggast ein Anspruch auf Entschädigung zu. Dies ist in der europäischen Fluggastrechteverordnung geregelt. Wieviel Geld es im Einzelfall gibt, hängt unter anderem von der Flugdistanz und der Verspätung ab.

Ab zwei Stunden Verspätung haben Fluggäste Anspruch auf Verpflegung


Bei einer zweistündigen Verspätung eines Fluges haben Fluggäste einen Anspruch auf Verpflegung und zwei kostenlose Telefonate.

Ab drei Stunden Verspätung erhalten Fluggäste finanzielle Entschädigung


Verspätet sich ein Flug mehr als drei Stunden, gibt es für die Fluggäste Geld von der Airline. Bei Flügen innerhalb der EU erhalten Fluggäste bei einer Flugdistanz von bis 1.500 Kilometern 250 Euro, bei mehr als 1.500 Kilometern 400 Euro. Wer von einem europäischen Flughafen in ein nicht europäisches Land fliegt, erhält bei bis 1.500 Kilometern 250 Euro, bei bis zu 3.000 Kilometern 400 Euro und bei mehr als 3.500 Kilometern 600 Euro Entschädigung. Dabei ist es unerheblich, welchen Betrag der Fluggast für den Flug gezahlt hat.

Die Entschädigungsleistung halbiert sich, wenn die Airline dem Fluggast einen Ersatzflug anbietet, mit dem er sein Reiseziel innerhalb einer bestimmten Frist erreicht. Zudem haben die Fluggäste einen Anspruch auf eine alternative Beförderung zum Reiseziel und möglicherweise auf einen kostenlosen Rücktransport. Muss der Fluggast über Nacht am Flughafen bleiben, hat er einen Anspruch auf ein Hotelzimmer und einen kostenlosen Transfer dort hin.

Vorverlegung eines Flugs- Anspruch auf Ausgleichzahlungen!


Wird ein Flug mehr als nur geringfügig zur ursprünglichen Abflugzeit vorverlegt, kann dies einer Annullierung eines Fluges gleich kommen und so einen Anspruch auf Ausgleichzahlung nach der Europäischen Fluggastrechteverordnung begründen. Dies entschied jüngst der Bundesgerichtshof (Aktenzeichen X ZR 59/14 ) und führt in seiner Urteilsbegründung aus, dass eine Annullierung eines Fluges vorliegt, wenn die Airline ihre eigentliche Flugplanung aufgibt. Das gilt auch für den Fall, dass die Fluggäste auf andere Flieger umgebucht werden. In diesem Sinne entschied auch der Gerichtshof der Europäischen Union (EuGH Aktenzeichen C-402/07 u.a.). Wird ein Flug um mehrere Stunden vorgezogen, ist damit die ursprüngliche Flugplanung aufgegeben worden.

Anschlussflug wegen verspätetem Zubringerflug verpasst- Kein Anspruch auf Ausgleichszahlungen!


Ein Passagier kann von einer Airline keine Ausgleichzahlungen nach der Europäischen Fluggastrechteverordnung verlangen, wenn er aufgrund eines verspäteten Zubringerflug seinen Anschlussflug verpasst hat. So lautet eine Entscheidung des Bundesgerichtshofs (Aktenzeichen Xa ZR 113/08).

Verspäteter außereuropäischer Anschlussflug- Kein Anspruch auf Ausgleichzahlungen!


Für einen verspäteten Anschlussflug außerhalb Europas erhalten Fluggäste keinen Anspruch auf Ausgleichzahlung nach der Europäischen Fluggastrechteverordnung, entschied der Bundesgerichtshof (Aktenzeichen X ZR 12/12). In diesem Fall ist die Europäischen Fluggastrechteverordnung nicht anwendbar. Dies gilt auch in dem Fall, dass der Flug von einem deutschen Flughafen gestartet ist und beide Flüge zusammen gebucht wurden.

Streik des Flugpersonals – Anspruch auf Ausgleichszahlungen?


Bei einem Generalstreik haben Fluggäste keinen Anspruch auf Ausgleichszahlungen, entschied der Bundesgerichtshof (Aktenzeichen X ZR 104/13. Bei einem Generalstreik handele es sich um außergewöhnliche Umstände nach der Europäischen Fluggastrechteverordnung, die die Airline frei von Ausgleichzahlungen stellt. Ein Generalstreik, wie auch ein Radarausfall, seien von der Airline nicht zu beherrschen. Hierbei handele es sich um Ereignisse die von außen kämen.

Ein sog. wilder Streik des Flugpersonals stellt hingegen keinen außergewöhnlichen Umstand im Sinne der europäischen Fluggastrechteverordnung dar und entbindet die Fluggesellschaft damit nicht von Entschädigungszahlungen, entschied der Europäische Gerichtshof (Aktenzeichen C-195/17). Das Flugpersonal hatte auf die Ankündigung von Umstrukturierungsplänen im Unternehmen mit Krankmeldungen reagiert und damit einen wilden Streik mit entsprechenden Flugverspätungen und –ausfällen verursacht. Der EUGH stellte in seiner Entscheidung klar, dass die Streiksituation von der betroffenen Airline beherrschbar gewesen sei, da mit Konflikten im Rahmen mit der Ankündigung von Umstrukturierungen habe gerechnet werden müssen.

Auch im Fall eines angekündigten Pilotenstreiks haben Passagiere einen Anspruch auf finanzielle Entschädigung, entschied ein luxemburgisches Gericht. Die Flüge von zwei Passagieren waren aufgrund des Pilotenstreiks von einer deutschen Airline annulliert worden. Ein angekündigter Streik stelle keinen außergewöhnlichen Umstand im Sinne der europäischen Fluggastrechteverordnung dar. Die deutsche Fluggesellschaft sei daher zu Ausgleichzahlungen verpflichtet. Das luxemburgische Gericht stütze seine Entscheidung auf die vorangegangene Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu Flugausfällen bei wildem Streik des Flugpersonals.

Streicht eine Fluggesellschaft einen Flug, weil an der Passagierkontrolle am Startflughafen gestreikt wird, haben die Fluggäste auch einen Anspruch auf Ausgleichszahlungen. Dies entschied der Bundesgerichtshof (Aktenzeichen X ZR 111/17) und stellte damit klar, dass ein Streik der Beschäftigten der Passagierkontrolle dann kein außergewöhnlicher Umstand ist, der die Airline von Ausgleichzahlungen befreit. Der Flug hätte nicht abgesagt werden müssen, weil nicht zu befürchten war, dass kein Fluggast aufgrund des Streiks den Flieger nicht erreichen werde.

Fluggäste dürfen Schadensersatzansprüche an Firmen abtreten


Fluggäste dürfen ihre Ansprüche auf Ausgleichszahlungen wegen verspäteter Flüge an sog. Claim-Handling-Companies abtreten, auch wenn die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Airlines dies untersagen. Dies entschied das Landgericht Nürnberg-Fürth (Aktenzeichen 5 S 8340/17) in drei Fällen, in denen Fluggäste ihre Ansprüche an professionelle Unternehmen abgetreten haben. Die Allgemeinen Geschäftsbedingungen der Fluggesellschaften, die dies nicht erlaubten, seien insoweit unwirksam, weil sie eine unangemessene Benachteiligung des Fluggastes auslösten.

Die Fluggäste hätten ein überwiegendes Interesse an der Abtretung ihrer Ansprüche auf Schadensersatz, damit diese auch durchgesetzt würden. Das Interesse der Fluggesellschaft an einem Abtretungsausschluss sei eher gering zu werten, da nicht ersichtlich sei, weshalb die Auseinandersetzung mit Claim-Handling-Companies mehr Aufwand darstelle als mit dem Fluggast selbst.


erstmals veröffentlicht am 15.06.2015, letzte Aktualisierung am 10.10.2018

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