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Kategorie: Anwalt Familienrecht , 21.10.2019 (Lesedauer ca. 6 Minuten)

Sorgerecht – Das Kindeswohl im Fokus

Sorgerecht – Das Kindeswohl im Fokus © freepik - mko

Wer ist sorgerechtsberechtigt? Wie wird das gemeinsame Sorgerecht ausgeübt? Wer erhält das alleinige Sorgerecht? Was ist der Unterschied zum Umgangsrecht? Wofür benötigt man eine Sorgerechtsverfügung? Wir klären Sie Schritt für Schritt in unserer Checkliste über die wichtigsten Fakten zum Sorgerecht auf – kompetent, aktuell und verständlich!

Sorgerecht – Das sollten Sie wissen

Eltern haben das Recht und die Pflicht für ihre Kinder zu sorgen. Die elterliche Sorge umfasst die alltägliche Sorge für das Kind und sein Vermögen sowie das Recht zu bestimmen, wo der Lebensmittelpunkt des Kindes sein soll. Geregelt ist das Sorgerecht im Bürgerlichen Gesetzbuch. Bei verheirateten Eltern bestimmt das Gesetz ein gemeinsames Sorgerecht. Sind die Eltern unverheiratet steht der Mutter das alleinige Sorgerecht zu. Will der unverheiratete Vater das gemeinsame Sorgerecht zusammen mit der Mutter ausüben, muss er eine entsprechende Erklärung abgeben.

Trennen sich verheiratete Eltern, bleibt das gemeinsame Sorgerecht bestehen. Alltagsangelegenheiten können von dem Elternteil entschieden werden, bei dem das Kind lebt. Bedeutende Angelegenheiten müssen von beiden Eltern zusammen entschieden werden. Können sich die Eltern nicht einigen, entscheidet das Familiengericht. Will ein Elternteil für sich das alleinige Sorgerecht beantragen, muss dies beantragt und begründet werden.

Gemeinsames Sorgerecht – der Regelfall!

Das gemeinsame Sorgerecht beider Eltern ist in Deutschland der Regelfall. Ein Kind soll für eine bestmögliche soziale Entwicklung eine Erziehung von Vater und Mutter genießen.

Bei verheirateten Eltern ist dies kein Problem. Trennen sich die Eltern bleibt das gemeinsame Sorgerecht bestehen. Bei Entscheidungen, die das Kind betreffen, sollen sich die Eltern abstimmen und einigen. Geht es um Entscheidungen zu alltäglichen Dingen kann das Elternteil, bei dem das Kind lebt, aber auch verantwortlich alleine entscheiden. Gemeint sind hier Angelegenheiten wie Arztbesuche, Hobbys oder Fernsehzeiten. Auch bei Gefahr im Verzug, etwa bei einem Unfall, kann ein Elternteil alleine entscheiden, welche Maßnahmen ergriffen werden sollen. Anders sieht es bei den sog. bedeutenden Angelegenheiten aus. Bei richtungsweisenden Entscheidungen, die das Kind betreffen, müssen sich beide Eltern einigen. Dies sind etwa Fragen zur Schulform oder bei nicht lebensnotwendigen Operationen. Finden die Eltern hier keinen Konsens, entscheidet das Familiengericht auf Antrag eines Elternteils.
So hat das Oberlandesgericht Oldenburg (Aktenzeichen 13 W 10/18) entschieden, das die Veröffentlichung von Kinderfotos im Internet eine Angelegenheit von erheblicher Bedeutung ist, wofür die Zustimmung beider Elternteile notwendig ist.

Problematisch ist, wenn beide Eltern das gemeinsame Sorgerecht ausüben, sich aber nicht darauf verständigen können, bei wem das Kind seinen Lebensmittelpunkt haben soll. Verschärft wird dies häufig noch durch den Umzug eines Elternteils in eine weit entfernte Stadt oder ins Ausland. Hier entscheiden in vielen Fällen letztlich die Gerichte, bei wem das Kind leben darf. Wichtige Aspekte sind dabei unter anderem die Bindungsstärke des Kindes zu einem Elternteil, die Kontinuität der Beziehung und die Fähigkeit des Elternteils das Kind zu erziehen.

Alleiniges Sorgerecht – die Ausnahme!

Das alleinige Sorgerecht ist in Deutschland die Ausnahme. Es steht per Gesetz unverheirateten Müttern zu oder es geht beim Tod eines Elternteils auf den noch lebenden Elternteil über. In allen anderen Fällen muss das alleinige Sorgerecht von einem Elternteil beantragt und begründet werden, warum das Kindeswohl durch ein gemeinsames Sorgerecht der Eltern gefährdet ist. Gründe können etwa häusliche Gewalt, Veruntreuung des Vermögens, Vernachlässigung oder die Gefährdung der Gesundheit des Kindes sein. Eine pauschale Aussage, wie „der Vater ist ein schlechter Umgang für das Kind“, reicht für eine Begründung nicht aus.

Verfügt ein Elternteil bereits über eine Vollmacht zur Ausübung des Sorgerechts, ist eine Übertragung des alleinigen Sorgerechts unnötig, entschied das Oberlandesgericht Frankfurt/Main (Aktenzeichen 8 UF 61/18). Eine Vollmacht sei gegenüber der Übertragung des alleinigen Sorgerechts das mildere Mittel und reiche aus, wenn das andere Elternteil die Handlungsfähigkeit des bevollmächtigten Elternteils nicht untergräbt.

Das Oberlandesgericht Brandenburg (Aktenzeichen 10 UF 88/16) hat Kriterien für die Übertragung der elterlichen Sorge auf ein Elternteil entwickelt. Beantragt ein Elternteil das alleinige Sorgerecht, erfolgt eine sog. doppelte Kindeswohlprüfung. Zuerst wird geprüft, ob ein gemeinsames Sorgerecht sinnvoll erscheint. Falls dies nicht in Betracht kommt, wird im zweiten Schritt geprüft, ob die Übertragung des alleinigen Sorgerechts dem Kindeswohl entspricht. Dies ist der Fall, wenn ein Elternteil besser in der Lage ist, die Erziehung und Entwicklung des Kindes zu einer eigenverantwortlichen und sozialen Persönlichkeit zu gewährleisten. Für diese Beurteilung stellt das Gericht folgende, gleichbedeutende Kriterien auf: Kontinuität, Bindung an Elternteil und Geschwister, Wille des Kindes und den Förderungsgrundsatz (Eignung, Bereitschaft, Möglichkeit der Eltern zur Kindeserziehung).

Das Familiengericht wird die Eignung der Sorgeberechtigten in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt und Sachverständigen prüfen. Kommt es zu der Erkenntnis, dass das Kindeswohl durch einen Sorgerechtsberechtigten gefährdet wird, wird es dem Antrag auf alleiniges Sorgerecht stattgeben.

Einen anschaulichen Überblick zum Verfahrensablauf beim Antrag auf alleiniges Sorgerecht finden Sie hier:

Checkliste Sorgerecht

Formular Checkliste Sorgerecht Checkliste Sorgerecht
Diese Checkliste zeigt den Verfahrensablauf beim Antrag auf alleiniges Sorgerecht
Quelle: anwaltssuche.de, 07.02.2019 Downloads: 68

Umgangsrecht- unabhängig vom Sorgerecht

Das Umgangsrecht ist völlig unabhängig vom Sorgerecht. Es regelt nicht die elterliche Sorge, sondern das gegenseitige Recht auf Umgang zwischen Eltern und Kind. Können sich Eltern nicht auf eine Umgangsregelung einigen, entscheidet auch hier das Familiengericht. Auch Großeltern und Geschwister haben ein Recht auf Umgang, wenn der Umgang für das Wohl des Kindes wichtig ist. Bei der Beurteilung, ob ein Umgangsrecht gewährt wird, spielt die Bindung des Kindes zu den Personen eine wichtige Rolle.

Es kann sinnvoll sein, wenn ein Elternteil auf sein Sorgerecht verzichtet und dafür ein umfangreiches Umgangsrecht erhält. Das ist etwa der Fall, wenn das Kind mit einem Elternteil ins Ausland zieht. Dann muss dieses Elternteil nicht für jede Entscheidung die Zustimmung des anderen Elternteils einholen. Der Verzicht auf das Sorgerecht sollte aber gut überlegt sein und mit anwaltlicher Beratung getroffen werden.

Kann Eltern das Sorgerecht entzogen werden?

Der Staat hat das Recht den Eltern das Sorgerecht ganz oder teilweise zu entziehen, wenn das körperliche oder seelische Wohl eines Kindes gefährdet ist. Das ist etwa der Fall, wenn das Kind zu verwahrlosen droht oder die Eltern bei der Erziehung komplett versagt haben. Das Sorgerecht geht dann auf den Amtsvormund über. Dieser wird dafür sorgen, dass das Kind in einem Heim oder bei Pflegeeltern untergebracht wird.

Sorgerechtsverfügung – So sorgen Sie für den Notfall vor!

Mit einer Sorgerechtsverfügung können Eltern bestimmen, wer im Fall ihres Todes der gesetzliche Vormund für ihre minderjährigen Kinder werden und wer das Sorgerecht auf keinen Fall erhalten soll. Für verheiratete Eltern hat die Sorgerechtsverfügung keine hohe Relevanz, da das Sorgerecht beim Tod eines Elternteils auf das noch lebende Elternteil übergeht.

Die Sorgerechtsverfügung ist einem Testament sehr ähnlich. Sie muss handschriftlich verfasst werden. Lediglich die Unterschrift der Eltern unter einem maschinell erstellten Text reicht nicht aus. Verfügen die Eltern gemeinsam, so muss ein Elternteil die Sorgerechtsverfügung handschriftlich verfassen und beide Elternteile müssen unterschreiben. Es kann aber auch jedes Elternteil eine eigene Sorgerechtsverfügung treffen. Maßgeblich ist immer die Sorgerechtsverfügung des zuletzt verstorbenen Elternteils.

Ein hilfreiches Muster einer Sorgerechtsverfügung finden Sie hier.

Muster Sorgerechtsverfügung

Formular Muster Sorgerechtsverfügung Muster Sorgerechtsverfügung
Sorgerechtsverfügung – mit diesem Muster sorgen Sie für den Notfall vor
Quelle: anwaltssuche.de, 06.02.2019 Downloads: 296



Häufige Irrtümer im Sorgerecht

Top-Irrtum: Nach einer Scheidung erhält immer die Mutter das Sorgerecht

Nach einer Scheidung haben grundsätzlich beide Elternteile das Sorgerecht. Das Sorgerecht geht nicht automatisch auf die Mutter über, wenn bei der Scheidung keine entsprechende Vereinbarung getroffen wurde. Wer das alleinige Sorgerecht haben möchte, muss dies beim Familiengericht beantragen.

Top-Irrtum: Alleiniges Sorgerecht heißt auch alleiniges Umgangsrecht

Viele Eltern glauben, wer das alleinige Sorgerecht besitzt, bestimmt auch mit wem das Kind Umgang pflegt. Dem ist nicht so! Umgangs- und Sorgerecht sind voneinander unabhängig. Auch wer nicht sorgeberechtigt ist, kann ein Recht zum Umgang besitzen. Dies ist etwa der Fall bei Großeltern oder Geschwistern.

Top-Irrtum: Alleiniges Sorgerecht ersetzt Zustimmung zur Adoption

Die Adoption eines minderjährigen Kindes ist nur mit der Zustimmung beider leiblicher Elternteile möglich. Daran ändert das alleinige Sorgerecht nichts. Auch im Fall des alleinigen Sorgerechts muss die Zustimmung des anderen Elternteils zur Adoption eingeholt werden.

Top-Irrtum: Kein Sorgerecht - Kein Unterhalt

Beim Streit um das Sorgerecht verweigern manche Elternteile als Druckmittel die Zahlung von Kindesunterhalt. Zu Unrecht! Die Ausübung des Sorgerechts und die Pflicht zur Zahlung des Unterhalts haben nichts miteinander zu tun.





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Sorgerecht - häufige Fragen und Antworten


+ Wie und wo Sorgerecht beantragen?

Das gemeinsame Sorgerecht steht verheirateten Eltern gesetzlich zu und muss nicht beantragt werden. Das alleinige Sorgerecht kann ein Elternteil beim Familiengericht beantragen.


+ Sorgerecht- Was gehört dazu?

Zum Sorgerecht gehört die Personensorge, die Vermögenssorge und das Aufenthaltsbestimmungsrecht.


+ Sorgerecht – Wer entscheidet?

Über das Sorgerecht entscheidet das Familiengericht.


+ Warum alleiniges Sorgerecht?

Das alleinige Sorgerecht ist sinnvoll, wenn das Kindeswohl durch das gemeinsame Sorgerecht gefährdet ist.


+ Warum Sorgerecht abgeben?

Ein Elternteil kann das Sorgerecht abgeben, wenn er kein Interesse an seinem Kind hat oder nach einer Trennung kein Sorgerecht ausüben möchte.


+ Wo Sorgerechtsverfügung hinterlegen?

Die Sorgerechtsverfügung kann beim Vormund, beim Nachlassgericht oder beim Notar hinterlegt werden.



erstmals veröffentlicht am 10.02.2019, letzte Aktualisierung am 21.10.2019

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