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Kategorie: Anwalt Erbrecht , 05.05.2021 (Lesedauer ca. 6 Minuten, 1397 mal gelesen)

Berliner Testament - Gemeinsam rechtssicher vererben!

älteres Ehepaar umarmt sich froh älteres Ehepaar umarmt sich froh © freepik - mko

Ein Berliner Testament ist bei Eheleuten eine beliebte Form einer letztwillige Verfügung. Doch was genau versteht man unter einem Berliner Testament? Für wen ist es sinnvoll? Können nur Ehepaare ein Berliner Testament verfassen? Was bedeutet es für die Kinder? Kann man ein Berliner Testament nachträglich ändern? Und was geschieht mit dem Ehegattentestament bei einer Scheidung?

Was ist ein Berliner Testament?


Bei Ehepaaren mit Kindern erbt nach dem Tod des ersten Ehepartners nach der gesetzlichen Erbfolge der Ehepartner die Hälfte des Vermögens, die andere Hälfte erben die Kinder. Um den länger lebenden Ehepartner finanziell abzusichern, entscheiden sich viele Ehepaare für ein Berliner Testament.

Beim Berliner Testament setzen sich die Ehepartner gegenseitig als Alleinerben, Vorerben oder Vermächtnisnehmer ein und bestimmen einen Schlusserben, der nach dem Tod des länger lebenden Ehepartners erbt. Das Berliner Testament kann nur von Eheleuten oder ihnen gesetzlich gleichgestellten Lebenspartnern errichtet werden. Unverheiratete Paare, Freunde oder Geschwister können kein Berliner Testament errichten.

Wichtig ist, dass ein Berliner Testament immer ein gemeinschaftliches Testament der Ehegatten und kein Einzeltestament ist. Verfügt ein Ehegatte in einem Einzeltestament, die Erbschaft solle „gemäß Berliner Testament“ erfolgen, ist die keine wirksame Erbeinsetzung des überlebenden Ehegatten, entschied das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 15 W 98/14). Eine solche Verfügung lasse zudem nicht erkennen, welche Vorstellungen der Erblasser mit einem Berliner Testament verbindet – also was etwa im Falle einer Wiederverheiratung gelten soll oder ob ein Schlusserbe bestimmt wird.

Ein Berliner Testament kann aber auch dann Vorliegen, wenn die Eheleute auf zwei getrennten Schriftstücken letztwillige Verfügungen getroffen haben, wenn aus den beiden Testamenten eine gemeinschaftliche Verfügung zu erkennen ist, so das Oberlandesgericht Zweibrücken (Aktenzeichen 3 W 82/02).

Was versteht man unter Alleinerbe, Schlusserbe, Vorerbe und Vermächtnisnehmer?


In der Regel setzen sich die Ehepartner gegenseitig als Alleinerben ein. In diesem Fall kann der länger lebende Ehepartner ohne Einschränkungen über das Vermögen des Erblassers verfügen. Er kann es verkaufen, verschenken oder verleben.
Eine Schlusserbfolge liegt vor, wenn sich etwa die Ehegatten gegenseitig als Erben einsetzen und bestimmen, dass nach dem Tod des Letztversterbenden ihre Kinder erben sollen (KG Berlin; Aktenzeichen 8 U 171/10).
Auch wenn als Schlusserben gewöhnlich die Kinder eingesetzt werden, kann auch ein Dritter als Schlusserben eingesetzt werden.
Wird kein Schlusserbe benannt, greift nach dem Tod des zweiten Ehepartners die gesetzliche Erbfolge.

Soll das gemeinsame Vermögen für die Kinder nach dem Tod des ersten Ehepartners erhalten bleiben, können sich die Eheleute gegenseitig als Vorerben und die Kinder als Nacherben einsetzen. In diesem Fall hat der länger lebende Ehepartner nur einen sehr eingeschränkten Zugriff auf das Vermögen des Erblassers. Er bewahrt es eigentlich nur für die Kinder auf.

Eine eher seltene Variante beim Berliner Testament ist sich gegenseitig als Vermächtnisnehmer einzusetzen. Im Erbfall erben die Kinder, dem länger lebenden Ehepartner werden etwa Erbgegenstände vermacht oder ein Nießbrauch zu gesprochen.

Was ist der Vorteil eines Berliner Testaments?


Ein entscheidender Vorteil des Berliner Testaments ist die Absicherung des Ehepartners nach dem Tod des anderen Ehepartners. Der Lebensstandard des länger lebenden Ehepartners bleibt so erhalten und er ist finanziell abgesichert. Zudem können sich die Schlusserben eines Berliner Testaments ihres Erbes sicher sein.

Kann man ein Berliner Testament ändern?


Gemeinsam können die Eheleute das Berliner Testament jederzeit ändern. Aber ein Nachteil des Berliner Testaments ist, dass der länger lebende Ehepartner an das Testament gebunden bleibt. Er kann es nach dem Tod des ersten Ehepartners nicht mehr ändern – egal, wie sich seine Lebenssituation entwickelt. Dies kann nur mit einer entsprechenden notariell beurkundeten Änderungsklausel umgangen werden.

Das Bayerische Oberstes Landesgericht (Aktenzeichen 1 Z 42/85) hat entschieden, dass eine Ehefrau nach dem Tod des Ehemanns die Einsetzung einer Verwandten als Schlusserbin widerrufen kann, weil in der Erbeinsetzung der Schlusserbin keine wechselbezügliche Verfügung zu sehen sei.

Allein das Zerreißen eines gemeinschaftlichen Testaments führt nicht zu einem wirksamen Widerruf. So entschied das Oberlandesgericht Schleswig-Holstein (Aktenzeichen 3 Wx 70/17) im Fall eines Ehepaares, dass zwei Einzeltestamente auf einem Blatt als gemeinschaftliches Testament verfügt hatten, dass dieses bestehen bleibt, auch dann, wenn das Blatt in zwei Einzeltestamente zerrissen wird.

Pflichtteil trotz Berliner Testament?


Die Ansprüche der pflichtteilsberechtigten Erben auf ihr Pflichtteil bleiben trotz Berliner Testament bestehen. Der Pflichtteil kann nur unter ganz engen Voraussetzungen verwehrt werden. In vielen Berliner Testamenten wird daher eine Pflichtteilsstrafklausel eingefügt, die die Geltendmachung des Pflichtteils verhindern soll. Dort wird geregelt, dass der Pflichtteilsberechtigte seine Erbenstellung verliert, wenn er Pflichtteilsansprüche nach dem Tod des ersten Ehegatten geltend macht.

Für das Oberlandesgericht Köln (Aktenzeichen 2 Wx 314/18) ist für das Auslösen der Pflichtteilsstrafklausel nicht notwendig, dass der Pflichtteilsberechtigte seinen Pflichtteil gerichtlich geltend macht. Es reicht aus, wenn er nach dem Tod des ersten Ehegatten Auskunft über den Nachlass einfordert und damit eine Geldforderung verbindet. In diesem Sinne entschied auch das Oberlandesgericht Düsseldorf (Aktenzeichen I-3 WX 124/11).

Fordert allerdings ein Pflichtteilsberechtigter seinen Pflichtteil nach dem Tod des ersten Ehegatten ein ohne zu wissen, dass es eine Pflichtteilsstrafklausel gibt, wird diese nicht ausgelöst und er ist weiterhin pflichtteilsberechtigt, so das Oberlandesgericht Rostock (Aktenzeichen 3 W 138/13).

Was passiert mit dem Berliner Testament bei einer Scheidung?


Ein Berliner Testament wird unwirksam sobald die Voraussetzungen für eine Scheidung vorliegen oder ein Ehegatte die Scheidung beantragt. Allein die Zustimmung zu einer Scheidungsmediation bedeutet aber nicht, dass die Zustimmung zur Scheidung hinfällig ist. Errichtet ein Ehegatte im Scheidungsverfahren trotz Ehegattentestament ein neues Testament, ist dieses wirksam, so das Oberlandesgericht Oldenburg (Aktenzeichen 3 W 71/18).

Checkliste: Wann macht ein Berliner Testament Sinn?


Ein Berliner Testament ist in folgenden Fällen für Ehepaare oder Lebenspartner sinnvoll:

  • Der überlebende Ehepartner soll abgesichert werden

  • Dafür möchten Sie die gesetzliche Erbfolge (Erbengemeinschaft von Ehepartner und Kinder) umgehen

  • Es besteht Einigkeit mit Ihrem Ehepartner darüber, wie das Erbe verteilt werden soll

  • Nach dem Tod des länger lebenden Ehegatten soll das Erbe auf die gesetzlichen Erben, bzw. Ersatzerben, übergehen

  • Sie nehmen in Kauf, dass das Berliner Testament nach dem Tod des ersten Ehepartners nur noch unter ganz engen Voraussetzungen geändert werden kann


TOP-Irrtümer beim Berliner Testament

Diese klassischen Irrtümer herrschen bei vielen Eheleuten im Hinblick auf das Berliner Testament vor:

Top-Irrtum: Widerruf und Änderung jederzeit möglich!

Der Widerruf oder die Änderung eines Berliner Testaments ist unproblematisch möglich, wenn beide Ehepartner leben und gemeinsam das Berliner Testament ändern möchten. Will nur ein Ehepartner das Berliner Testament zu Lebzeiten beider Eheleute widerrufen, muss er dies durch eine notarielle Erklärung gegenüber dem anderen Ehepartner tun. Stirbt ein Ehepartner, ist der Widerruf des Berliner Testaments für den überlebenden Ehepartner in der Regel nicht mehr möglich. Änderungen am Testament können nach dem Tod des ersten Ehepartners nur vorgenommen werden, wenn im Berliner Testament eine entsprechende Klausel vorhanden ist, die notariell beurkundet wurde.

Top-Irrtum: Anspruch auf Pflichtteil wird ausgeschlossen!

Auch im Fall eines Berliner Testament steht den pflichtteilsberechtigten Erben (meist Kinder) ihr gesetzliches Pflichtteil zu. Diese müssen auf ihre Pflichtteilsrechte verzichten, damit das Berliner Testament seinen Sinn erfüllt. In vielen Berliner Testamenten wird daher eine Pflichtteilsklausel eingefügt, wonach die Kinder ihren Anspruch auf ihr Erbe verlieren, wenn sie ihren Pflichtteil geltend machen. Diese Pflichtteilsklauseln sind zivilrechtlich allerdings nicht unumstritten und bedürfen der fachkundigen Beratung eines Anwalts für Erbrechts.

Top-Irrtum: Notarielle Beglaubigung notwendig!

Ein Berliner Testament muss grundsätzlich nicht notariell beglaubigt werden, um wirksam zu sein. Es unterliegt den gleichen Formvorschriften wie ein einfaches Testament. Eine notarielle Beglaubigung ist allerdings zwingend, wenn nach dem Tod des ersten Ehepartners Änderungen am Testament durch den längerlebenden Ehepartner möglich sein sollen.

Top-Irrtum: Stiefkinder erben automatisch!

Stiefkinder müssen im Berliner Testament ausdrücklich als Nacherben genannt werden, damit sie nach dem Tod des letztlebenden Ehepartners auch erben. Anders sieht das bei unehelichen Kindern aus, die werden mit dem Pflichtteil bedacht.

Muster eines Berliner Testaments


Hier finden Sie zur Orientierung eine Checkliste und ein Muster zum Berliner Testament.



Beim Berliner Testament gilt es im Hinblick auf Pflichtteilsregelungen und steuerliche Aspekte einiges zu beachten. Eine Beratung von einem Anwalt für Erbrecht ist daher dringend anzuraten. Er erstellt Ihnen ein rechtsgültiges Testament, damit Ihr letzter Wille auch in Erfüllung geht.

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Häufige Fragen und Antworten zum Berliner Testament

+ Was ist Berliner Testament?

Beim Berliner Testament setzen sich die Eheleute oder Lebenspartner gegenseitig als Alleinerben, Vorerben oder Vermächtnisnehmer ein und bestimmen einen Schlusserben, der nach dem Tod des längstlebenden Ehegatten das Erbe erhalten soll.


+ Warum heißt es Berliner Testament?

Die Herkunft des Begriffs „Berliner Testament“ ist nicht eindeutig geklärt. Zum einen soll er aus der „Berliner Praxis“ entsprungen sein, zum anderen wird seine Entstehung mit einer nicht amtlichen Lektoratsüberschrift über einem Gesetz erklärt.


+ Warum Berliner Testament?

Mit einem Berliner Testament soll die Verfügungsgewalt des überlebenden Ehegatten über das gemeinsame Vermögen sicher gestellt werden.


+ Wer schreibt Berliner Testament?

Das Berliner Testament muss von einem Ehepartner eigenhändig geschrieben und von beiden Ehepartner eigenhändig und persönlich unterschrieben werden.


+ Wer erbt bei Berliner Testament

Bei einem Berliner Testament erbt zunächst der überlebende Ehegatte. Nach dessen Tod erben die Schlusserben.


+ Was kostet Berliner Testament?

Kosten fallen nur für ein notariell beglaubigtes Berliner Testament an. Diese richten sich nach der Höhe der zu vererbenden Vermögenswerte.


+ Was erben Kinder beim Berliner Testament?

Sinn des Berliner Testaments ist, dass die Kinder erst nach dem Tod des Längstlebenden erben. Sie können aber bereits beim Tod des ersten Ehepartners ihren Pflichtteil geltend machen.


+ Was erben Stiefkinder beim Berliner Testament?

Stiefkinder müssen als Erben in einem Berliner Testament ausdrücklich benannt werden, ansonsten erben sie nicht.




erstmals veröffentlicht am 11.03.2019, letzte Aktualisierung am 05.05.2021

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