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Kategorie: Anwalt Reiserecht , 10.05.2022 (Lesedauer ca. 5 Minuten, 6339 mal gelesen)

Reiserücktritt wegen Krankheit - Wann zahlt die Versicherung?

kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen © freepik - mko

Wenn der Urlaubstraum wegen einer Krankheit oder eines Unfalls platzt, hoffen viele Betroffene auf die Erstattung der Stornokosten durch ihre Reiserücktrittsversicherung. Doch die springt längst nicht bei jeder Erkrankung ein. Wann greift der Versicherungsschutz einer Reiserücktrittsversicherung? Bei welchen Krankheiten springt die Versicherung nicht ein? Wann sollte die Reise storniert werden? Und welche Unterlagen benötigt man bei einem Reiserücktritt wegen Krankheit?

Reiserücktritt wegen Krankheit – Wann greift der Versicherungsschutz?


Alle schweren Krankheiten, die unerwartet auftreten und damit eine Reise für den Betroffenen unzumutbar machen, müssen von der Reiserücktrittsversicherung anerkannt werden.

Als unerwartet ist eine Erkrankung nach einem Urteil des Amtsgerichts München (Az. 242 C 29669/09) anzusehen, wenn sie aus der Sicht eines durchschnittlichen Versicherungsnehmers nicht vorhersehbar war. Eine Wirbelkörperfraktur kann für einen Versicherungsnehmer auch dann unerwartet sein, wenn er an Osteoporose erkrankt ist, entschied das Landgericht Düsseldorf (Az. 9 S 42/17).

Muss eine Reise wegen einer Lungentransplantation, die aufgrund einer Vorerkrankung durchgeführt werden muss, abgesagt werden, handelt es sich nicht um eine unerwartete Erkrankung, so das Amtsgericht Frankfurt am Main (Az. 32 C 196/18).

Eine unerwartete Verschlimmerung einer bereits vorhandenen Krankheit ist wie eine unerwartete Erkrankung anzusehen, so das Landgericht Dortmund (Az. 2 S 42/11.)

Als schwere Krankheiten sind unstreitig etwa ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Bandscheibenvorfall oder ein schwerer Infekt anzuerkennen.
Ein Nasenbeinbruch ist in der Regel keine schwere Erkrankung, da eine operative Behandlung normalerweise nicht erforderlich ist. Kommen aber Umstände hinzu, wie ein Riss in der Nasenscheidenwand mit Einblutungen, kann auch aus einem Nasenbeinbruch eine schwere Erkrankung werden, die ein Reiserücktrittsgrund darstellt, so das Amtsgericht München (Az. 275 C 9001/08).

Auch eine Durchfallerkrankung ist an sich noch kein Grund eine Reise nicht anzutreten. Entscheidend ist hier, ob für den betroffenen Reisenden die Reise zumutbar ist, so das Oberlandesgericht Celle (Az. 8 U 165/18).

Wurde für die geplante Reise eine Impfung empfohlen oder vorgeschrieben und stellt sich beim Versicherungsnehmer eine Impfunverträglichkeit heraus, ist das ein Grund für einen Reiserücktritt, so das Oberlandesgerichts Karlsruhe (Az. 12 U 184/12).

Eine Schwangerschaft ist zwar keine Erkrankung, kann aber ein Grund für einen Reiserücktritt sein. Nach einer Entscheidung des Landgerichts Köln (Az. 24 S 40/06) kann eine schwangere Frau eine Fernreise nach dem Bekanntwerden der Schwangerschaft stornieren. Die Reiserücktrittsversicherung muss in diesem Fall die Stornokosten übernehmen. Auch Schwangerschaftskomplikationen können zu einer Reisestornierung berechtigen, so das Amtsgericht München (Az. 224 C 32365/11).

Bei welchen Beschwerden springt die Reiserücktrittversicherung nicht ein?


Eine leichte Erkältung, ein leichter Magen-Darm-Infekt oder Kopfschmerzen sind in der Regel sicher keine Krankheiten, die zum Rücktritt von einer Reise berechtigen.

Auch die leere Batterie eines Herzschrittmachers ist keine unerwartete Erkrankung für die die Reiserücktrittsversicherung einstehen muss, so das Amtsgericht München (Az. 242 C 37052/05).

Ebenso rechtfertigt eine vorsehbare Lungentransplantation keinen Reiserücktritt für den die Versicherung aufkommen muss, so das Amtsgericht Frankfurt am Main (Az. 32 C 196/18 (18).

Bloßes Unwohlsein oder Angst auf einer Kreuzfahrt stellt laut Amtsgericht München (Az. 159 C 13380/20) ebenfalls keine Krankheit dar, die zu einer Entschädigungsleistung durch die Versicherung führt.

Wird die Reise aufgrund einer psychischen Erkrankung storniert, kann die Reiserücktrittsversicherung ein Attest von einem Facharzt verlangen, so das Amtsgericht München (Az. 231 C 35774/05). Handelt es bei der psychischen Erkrankung um chronische Depressionen muss die Reiserücktrittsversicherung die Stornokosten nicht tragen. In diesem Fall liegt keine „unerwartet“ schwere Krankheit vor, sondern ein Krankheitsschub, entschied das Amtsgericht München (Az. 133 C 33118/02). Eine Reiserücktrittsversicherung kann für psychische Erkrankungen ihre Leistungen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen wirksam ausschließen, so ebenfalls das Amtsgericht München (Az. 172 C 3451/13).

Braucht man beim Reiserücktritt wegen Krankheit ein ärztliches Attest?


Ein ärztliches Attest zur Erkrankung ist notwendig, um den Eintritt des Versicherungsfalls zu dokumentieren.
Ein Reisender, der nach einem Skiunfall lediglich mit seinem Hausarzt in Deutschland telefonierte und auf dessen Rat hin den Urlaub abbrach und die Heimreise antrat, kann von seiner Reiserücktrittsversicherung keine Entschädigung verlangen, entschied das Amtsgericht München (Az. 174 C 6951/20). Der Verunglückte könne aufgrund eines fehlenden Attestes von einem Arzt am Urlaubsort nicht beweisen, dass ihm eine Fortsetzung seiner Reise aus gesundheitlichen Gründen nicht möglich war.

Aufgepasst: Einige Reiserücktrittsversicherungen verlangen über das ärztliche Attest hinaus eine ausführliche Stellungnahme vom Arzt.

Zahlt die Versicherung auch bei Erkrankungen von Angehörigen?


Eine Reiserücktrittsversicherung übernimmt die Stornokosten auch, wenn ein Angehöriger des Versicherungsnehmers unerwartet schwer erkrankt oder verstorben ist. Steht der Tod eines Angehörigen bevor, ist das kein Fall für die Reiserücktrittsversicherung, entschied das Amtsgericht Hamburg (Az. 17a C 261/16), da der Todeszeitpunkt ungewiss ist.

Verschlechtert sich bei der Schwiegermutter eine an sich altersgerechte Krankheit, handelt es sich um eine unerwartet schwere Erkrankung die den Versicherungsfall auslöst, so das Amtsgericht Kassel (Az. 435 C 2419/12).

Zu den Angehörigen zählen der Ehepartner, Kinder, Eltern, Geschwister, Großeltern, Enkel, Onkel, Tante, Nichte und Neffe sowie Schwiegerkinder oder -eltern.

Wann sollte die Reise storniert werden?


Wichtig ist im Falle einer Erkrankung die Reise unverzüglich, also ohne schuldhaftes Verzögern, zu stornieren. Wer auf eine mögliche Genesung wartet, riskiert die Kürzung oder sogar den Verlust der Versicherungsleistung.

So geschehen im Fall eines Versicherungsnehmers, der zu lange auf seine Genesung gehofft hatte. Dem Mann wurden vier Monate vor Reiseantritt Zehen amputiert. Obwohl es zu massiven Wundheilungsstörungen mit Folge-Operationen kam, sagte er die Reise erst eine Woche vor dem beabsichtigten Reisebeginn ab. Von den Stornokosten in Höhe von 1.150 Euro übernahm die beklagte Versicherung nur knapp 200 Euro. Zu Recht, entschied das Landgericht Coburg (Az. 32 S 7/09): Der Versicherungsnehmer hat die vertragliche Pflicht, bei Eintritt des Versicherungsfalls die Reise unverzüglich zu stornieren, um die Stornokosten möglichst gering zu halten. Diese Obliegenheit wurde hier grob fahrlässig verletzt, denn spätestens rund zwei Monate vor dem Urlaubsbeginn hätte sich dem Mann aufgrund der auftretenden Komplikationen der Gedanke aufdrängen müssen, dass er einer Busreise ohne Versorgung durch Pflegepersonal nicht gewachsen sein wird.

Äußert ein Arzt Bedenken gegen eine Reise nach einer Operation, hat der Versicherungsnehmer die Pflicht von der Reise zurückzutreten. Dies folgt aus seiner Schadensminderungspflicht, entschied das Landgericht Hamburg (Az. 306 O 351/14).

Wann gilt eine Reise als schon angetreten?


Bei den meisten Fluggesellschaften können Fluggästen bereits Tage vor dem Abflug online einchecken. Werden sie nach dem Check-in krank, muss die Reiserücktrittsversicherung für die Reisekosten aufkommen, so das Amtsgericht München (Az. 171 C 18960/13). Der Versicherungsschutz einer Reiserücktrittsversicherung endet laut Gericht nicht beim Online Check-In, da damit die Reise faktisch noch nicht angetreten ist. Für einen Antritt der Reise sei es notwendig, dass der Reisende tatsächlich Leistungen der Airline in Anspruch nimmt – so etwa mit der Aufgabe seines Reisegepäcks oder der Vorlage seiner Bording-Karte zum Betreten des Flugzeugs.
Auch das Ausdrucken der Bordkarte zu Hause am Computer stellt laut Amtsgericht Bremen (Az. 10 C 508/12) keinen Reiseantritt da.

Welche Unterlagen werden für die Reiserücktrittsversicherung benötigt?


Für die Regulierung eines Reiserücktritts benötigt die Versicherung den Reisevertrag, einen Versicherungsnachweis, eine ärztliche Stellungnahme zur Erkrankung, die Rechnung über die Stornogebühren sowie einen Nachweis über die erfolgte Zahlung.

Übrigens: Pauschale Stornogebühren sind unzulässig!


Es gibt Reiseveranstalter die im Fall einer Stornierung hohe Stornogebühren verlangen.
Nach einem Urteil des Landgericht Köln (Az. 26 O 57/10) sind prozentuale Staffelungen von Stornokosten in den allgemeinen Reisebedingungen ausgeschlossen, da die entstanden Mehrkosten je nach Art der Reise sehr unterschiedlich ausfallen können. Ein Kunde der seine Reise lange vor Antritt storniert hatte, musste daher nicht 40 Prozent des Reisepreises bezahlen.

Das Kammergericht Berlin (Az. KG 5 U 86/09) akzeptierte ebenfalls eine Stornoregelung eines Reiseveranstalters nicht, der von seinem Kunden für einen kurzfristigen Reiserücktritt den vollen Reisepreis haben wollte, weil dies so in den Buchungsbedingungen geregelt sei. Die Berliner Richter erachteten die Stornoregelung als eine unangemessene Benachteiligung des Kunden und verlangten vom Reiseveranstalter, dass dieser die tatsächlich durch den Reiserücktritt entstandenen Kosten offenlegte.

Auch eine Stornopauschale in Höhe von 30 Prozent des Reisepreises bei Rücktritt von der Reise bis 30 Tage vor Reisebeginn ist laut Amtsgericht Bochum (Az. 39 C 9/20) nicht zulässig.

erstmals veröffentlicht am 03.07.2013, letzte Aktualisierung am 10.05.2022

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