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Kategorie: Anwalt Reiserecht , 24.06.2020 (Lesedauer ca. 3 Minuten, 1702 mal gelesen)

Rücktritt von einer Reise wegen Krankheit - Wann muss die Versicherung zahlen?

kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen © freepik - mko

Zu den häufigsten Gründen für den Rücktritt von einer Reise gehören das Auftreten einer Krankheit oder ein Unfall. Eine Reiserücktrittversicherung übernimmt längst nicht in jedem Fall die entstandenen Kosten. Welche Krankheiten werden von der Versicherung anerkannt? Reicht ein einfaches ärztliches Attest? Wann muss man die Reise stornieren? Und welche Unterlagen benötigt man bei einem Reiserücktritt?

Welche Krankheiten erkennt die Versicherung an?


Alle schweren Krankheiten, die unerwartet auftreten und damit eine Reise für den Betroffenen unzumutbar machen, müssen von der Reiserücktrittversicherung anerkannt werden.

Als unerwartet ist eine Erkrankung nach einem Urteil des Amtsgerichts München (Aktenzeichen 242 C 29669/09) anzusehen, wenn sie aus der Sicht eines durchschnittlichen Versicherungsnehmers nicht vorhersehbar war.

Als schwere Krankheiten sind unstreitig etwa ein Herzinfarkt, Schlaganfall, Bandscheibenvorfall oder ein schwerer Infekt anzuerkennen.

Ein Nasenbeinbruch ist in der Regel keine schwere Erkrankung, da eine operative Behandlung normalerweise nicht erforderlich ist. Kommen aber Umstände hinzu, wie ein Riss in der Nasenscheidenwand mit Einblutungen, kann auch aus einem Nasenbeinbruch eine schwere Erkrankung werden, die ein Reiserücktrittgrund darstellt, so das Amtsgericht München (Aktenzeichen 275 C 9001/08).

Wurde für die geplante Reise eine Impfung empfohlen oder vorgeschrieben und stellt sich beim Versicherungsnehmer eine Impfunverträglichkeit heraus, ist das ein Grund für einen Reiserücktritt.

Eine Schwangerschaft ist zwar keine Erkrankung, kann aber ein Grund für einen Reiserücktritt sein. Nach einer Entscheidung des Landgerichts Köln (Aktenzeichen 24 S 40/06) kann eine schwangere Frau eine Fernreise nach dem Bekanntwerden der Schwangerschaft stornieren. Die Reiserücktrittversicherung muss in diesem Fall die Stornokosten übernehmen. Auch Schwangerschaftskomplikationen können zu einer Reisestornierung berechtigen, so das Amtsgericht München (Aktenzeichen 224 C 32365/11).

Bei welchen Erkrankungen tritt die Reiserücktrittversicherung nicht ein?


Eine leichte Erkältung, ein leichter Magen-Darm-Infekt oder Kopfschmerzen sind in der Regel keine Krankheiten, die zum Rücktritt von einer Reise berechtigen.

Auch die leere Batterie eines Herzschrittmachers ist keine unerwartete Erkrankung für die die Reiserücktrittversicherung einstehen muss, so das Amtsgericht München (Aktenzeichen 242 C 37052/05).

Wird die Reise aufgrund einer psychischen Erkrankung storniert, kann die Reiserücktrittversicherung ein Attest von einem Facharzt verlangen, so das Amtsgericht München (Aktenzeichen 231 C 35774/05). Handelt es sich bei der psychischen Erkrankung um chronische Depressionen muss die Reiserücktrittversicherung die Stornokosten nicht tragen. In diesem Fall liegt keine „unerwartet“ schwere Krankheit vor, sondern ein Krankheitsschub, entschied das Amtsgericht München (Aktenzeichen 133 C 33118/02). Eine Reiserücktrittversicherung kann für psychische Erkrankungen ihre Leistungen in ihren Allgemeinen Geschäftsbedingungen wirksam ausschließen, so ebenfalls das Amtsgericht München (Aktenzeichen 172 C 3451/13).

Reicht ein ärztliches Attest?


In der Regel reicht ein ärztliches Attest zur Erkrankung, um den Eintritt des Versicherungsfalls zu dokumentieren. Einige Reiserücktrittversicherungen verlangen darüber hinaus eine ausführliche Stellungnahme vom Arzt.

Zahlt die Versicherung auch bei Erkrankungen von Angehörigen?


Eine Reiserücktrittversicherung übernimmt in der Regel die Stornokosten auch, wenn ein Angehöriger des Versicherungsnehmers unerwartet schwer erkrankt.

Zu den Angehörigen gehören der Ehepartner, Kinder, Eltern, Geschwister, Großeltern, Enkel, Onkel, Tante, Nichte und Neffe sowie Schwiegerkinder oder -eltern.

Wann muss die Reise storniert werden?


Wichtig ist im Falle einer Erkrankung die Reise unverzüglich, also ohne schuldhaftes Verzögern, zu stornieren. Wer auf eine mögliche Genesung wartet, riskiert die Kürzung oder sogar den Verlust der Versicherungsleistung.

So geschehen im Fall eines Versicherungsnehmers, der zu lange auf seine Genesung gehofft hatte. Dem Mann wurden vier Monate vor Reiseantritt Zehen amputiert. Obwohl es zu massiven Wundheilungsstörungen mit Folge-Operationen kam, sagte er die Reise erst eine Woche vor dem beabsichtigten Reisebeginn ab. Von den Stornokosten in Höhe von 1.150 Euro übernahm die beklagte Versicherung nur knapp 200 Euro. Zu Recht, entschied das Landgericht Coburg (Aktenzeichen 32 S 7/09): Der Versicherungsnehmer hat die vertragliche Pflicht, bei Eintritt des Versicherungsfalls die Reise unverzüglich zu stornieren, um die Stornokosten möglichst gering zu halten. Diese Obliegenheit wurde hier grob fahrlässig verletzt, denn spätestens rund zwei Monate vor dem Urlaubsbeginn hätte sich dem Mann aufgrund der auftretenden Komplikationen der Gedanke aufdrängen müssen, dass er einer Busreise ohne Versorgung durch Pflegepersonal nicht gewachsen sein wird.

Welche Unterlagen werden beim Reiserücktritt benötigt?


Für die Regulierung eines Reiserücktritts benötigt die Versicherung den Reisevertrag, einen Versicherungsnachweis, eine ärztliche Stellungnahme zur Erkrankung, die Rechnung über die Stornogebühren sowie einen Nachweis über die erfolgte Zahlung.


erstmals veröffentlicht am 03.07.2013, letzte Aktualisierung am 24.06.2020

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