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Kategorie: Anwalt Arbeitsrecht , 20.01.2023 (Lesedauer ca. 3 Minuten, 284 mal gelesen)

Lange krank: Verfällt der Urlaubsanspruch des Arbeitnehmers?

Krankenhauszimmer mit Rollstuhl Krankenhauszimmer mit Rollstuhl © freepik - mko

Arbeitnehmer, die lange Zeit wegen Krankheit am Arbeitsplatz ausfallen, haben oft Sorge, was mit ihrem Anspruch auf Urlaub geschieht. Hat man einen Anspruch auf Urlaub, wenn man lange Zeit krank ist? Darf der Chef den Urlaub bei langer Krankheit kürzen? Wann verfällt der Urlaubsanspruch bei langzeiterkrankten Arbeitnehmern? Und droht bei langer Krankheit die Kündigung des Arbeitsverhältnisses?

Habe ich einen Anspruch auf Urlaub bei langer Krankheit?


Beschäftigte, die über eine längere Zeit krank sind, verlieren ihren Anspruch auf Urlaub nicht. Er bleibt bestehen, da er erst in Anspruch genommen werden kann, wenn der Arbeitnehmer wieder gesund ist. Möglich gemacht hat das eine Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (Az. C-350/06). Danach darf nationales Recht längerfristig erkrankten Beschäftigte ihren Anspruch auf Urlaub nicht entziehen. Dies würde laut Gericht im Widerspruch zum EU-rechtlich verankerten Anspruch auf einen vierwöchigen Mindesturlaub stehen. Die Übertragung des Urlaubs kann aber laut einer weiteren Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (Az. C-214/10) zeitlich begrenzt werden.

Darf mein Chef meinen Urlaubsanspruch wegen langer Krankheit kürzen?


Der Arbeitgeber darf den gesetzlichen Mindesturlaub nicht bei langer Krankheit des Beschäftigten kürzen. Für den Anspruch auf Mindesturlaub ist ein bestehendes Arbeitsverhältnis notwendig, nicht das der Arbeitnehmer auch tatsächlich arbeitet.

Wann verfällt mein Urlaub bei langer Krankheit?


Das Bundesurlaubsgesetz regelt, dass ein Arbeitnehmer seinen Jahresurlaub im laufenden Kalenderjahr in Anspruch nehmen muss. Ausnahmsweise kann der Urlaub auf das nächste Jahr übertragen werden, wenn der Urlaub aus dringenden betrieblichen oder persönlichen Gründen nicht genommen werden konnte. In diesem Fall muss der Urlaub bis zum 31. März genommen werden, ansonsten verfällt der Anspruch. Bei langer Krankheit sieht das anders aus: Das Bundesarbeitsgericht (Az. 9 AZR 353/10) hat entschieden, dass der Anspruch auf Urlaub bei langer Krankheit 15 Monate nach Ablauf des Urlaubsjahres verfällt.

Arbeitnehmer, die nach einer längeren Krankheit ins Unternehmen zurückkehren, sollten sich zeitnah um ihre Urlaubsplanung kümmern. Denn hier gilt: Sobald der Arbeitnehmer wieder seine Arbeit aufgenommen hat, läuft die Frist.

Erwerbe ich auch Urlaubsansprüche, wenn mein Arbeitsverhältnis aufgrund einer langen Krankheit ruht?


Bei langzeiterkrankten Arbeitnehmern endet nach sechs Wochen die Lohnfortzahlungspflicht des Arbeitgebers und er erhält Krankengeld oder ähnliches. Ab diesem Zeitpunkt ruhen die arbeitsvertraglichen Pflichten – das heißt, der Arbeitgeber muss keinen Lohn zahlen und der Beschäftigte muss nicht arbeiten. Ob auch ein ruhendes Arbeitsverhältnis Ansprüche auf Urlaub begründen kann, wurde lange Zeit von den Gerichten unterschiedlich beurteilt. Das Bundesarbeitsgericht (Az. 9 AZR 353/10) hat dann im Jahr 2012 klargestellt, dass Urlaubsansprüche auch während eines ruhenden Arbeitsverhältnisses entstehen. Laut Gericht ist das sog. Ruhen des Arbeitsverhältnisses kein Grund dem kranken Arbeitnehmer Ansprüche auf Urlaub abzusprechen. Schließlich ruhe das Arbeitsverhältnis auch während der Elternzeit und der Arbeitnehmer erwerbe in dieser Zeit Anspruch auf Urlaub.

Kann mein Chef mich bei langer Krankheit kündigen?


Der Arbeitgeber hat die Möglichkeit langzeiterkrankte Beschäftigte zu kündigen. Dafür müssen aber folgende Voraussetzungen erfüllt sein: Der Arbeitnehmer war sechs Wochen oder länger im Jahr erkrankt, eine Besserung seiner Gesundheit ist nicht absehbar und eine Interessenabwägung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer gewichtet die Interessen des Arbeitgebers stärker.

Was passiert mit meinem Urlaub bei krankheitsbedingter Kündigung?


Wird ein Beschäftigter krankheitsbedingt gekündigt werden, sind oft noch Urlaubtage offen. Das Bundesurlaubsgesetz sieht vor, dass Arbeitnehmer, die Urlaubstage wegen der Beendigung des Arbeitsverhältnisses nicht nehmen konnten, einen Anspruch auf eine finanzielle Abgeltung des Urlaubs haben. Für alle noch nicht verfallenen Urlaubstage muss der Arbeitgeber dem Arbeitnehmer entlohnen. So entschied auch das Arbeitsgericht Bielefeld (Az. 7 Ca 214/14) im Fall eines Beschäftigten, der nach zwei Jahren Krankheit aus dem Betrieb ausschied.

Darf ich trotz Krankschreibung in Urlaub fahren?


Beschäftigte, die arbeitsunfähig erkrankt sind, müssen sich so verhalten, dass sie möglichst schnell wieder gesund und arbeitsfähig werden. Alles was die Krankheit verschlimmert, muss der Arbeitnehmer unterlassen. Das bedeutet, dass der Arbeitnehmer grundsätzlich auch bei einer Krankschreibung in Urlaub fahren darf, wenn seinem Gesundheitszustand dies gut tut, bzw. nicht schadet.

Verfällt mein Urlaubsanspruch, wenn ich im Urlaub krank werde?


Wer im Urlaub krank wird, muss nicht befürchten, dass seine Urlaubstage verfallen. Arbeitnehmern, die mit einem ärztlichen Attest ihre Krankheit belegen können, werden die Urlaubstage während einer Krankheit nicht auf den Jahresurlaub angerechnet. Sie erhalten eine Lohnfortzahlung im Krankheitsfall. Die gutgeschriebenen Urlaubstage können aber nicht einfach an den Urlaub hinten drangehangen, sondern müssen beim Arbeitgeber beantragt werden.

erstmals veröffentlicht am 05.06.2020, letzte Aktualisierung am 20.01.2023

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