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Kategorie: Anwalt Arbeitsrecht , 12.05.2022 (Lesedauer ca. 5 Minuten, 1221 mal gelesen)

Rechte und Pflichten von Arbeitnehmern bei Krankheit

kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen © freepik - mko

Arbeitnehmer fehlen in Deutschland krankheitsbedingt im Durchschnitt 11 Tage an ihrem Arbeitsplatz. Welche Pflichten treffen einen Arbeitnehmer im Krankheitsfall? Wie viel Tage darf man ohne Krankschreibung krank sein? Womit müssen Arbeitnehmer rechnen, die eine Erkrankung nur vortäuschen? Darf man trotz Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung weiter arbeiten? Oder in Urlaub fahren? Und wie lange erhalten Arbeitnehmer im Krankheitsfall weiter Lohn?

Krankheitsfall: Arbeitgeber sofort informieren!


Arbeitnehmer haben im Krankheitsfalle die arbeitsrechtliche Pflicht ihren Arbeitgeber umgehend über ihre Erkrankung und die voraussichtliche Dauer der Erkrankung zu informieren. Dies kann per Telefon; SMS oder E-Mail geschehen. Ist ein Arbeitnehmer selbst nicht mehr in der Lage den Arbeitgeber zu unterrichten, muss er dies etwa durch Angehörige erledigen lassen.

Wie viel Tage darf man ohne Krankschreibung krank sein?


Wann der Arbeitnehmer eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) vom Arzt vorlegen muss, ist oft im Arbeits- oder Tarifvertrag geregelt. Wenn dies nicht der Fall ist, springt das Entgeltfortzahlungsgesetz ein, wonach eine Krankschreibung nach drei Krankheitstagen vom Arbeitgeber verlangt werden kann.

Der Arbeitgeber kann aber vom Arbeitnehmer im Krankheitsfall vom ersten Tag der Krankheit an eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) mit der voraussichtlichen Dauer der Erkrankung verlangen. Dies hat das Bundesarbeitsgericht (Az. 5 AZR 886/11) entschieden. Begründung: Es steht im Ermessen des Arbeitgebers, wann er die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangt. Er kann dies bereits ohne Begründung am ersten Tag der Erkrankung des Arbeitnehmers tun. Dafür ist es nicht notwendig, dass der Arbeitgeber in der Vergangenheit eine Krankheit vorgetäuscht hat.

Aufgepasst: Wer trotz Aufforderung keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung beibringt, riskiert eine Abmahnung und im wiederholten Fall sogar eine fristlose Kündigung des Arbeitsverhältnisses, so das Landesarbeitsgericht Rheinland-Pfalz (Az. 10 Sa 593/11).

Beweist die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung die Erkrankung?


Eine ordnungsgemäß vom Arzt ausgestellte Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ist in der Regel vor Gericht ausreichend, um einen Krankheitsfall zu beweisen.

Der Beweiswert einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung wird aber laut Bundesarbeitsgericht (Az. 5 AZR 149/21) erheblich erschüttert, wenn ein Arbeitnehmer genau am Tag seiner Kündigung arbeitsunfähig krankgeschrieben wird und die voraussichtliche Erkrankung bis zum Ende seiner Kündigungsfrist prognostiziert wird. Das Bundesarbeitsgericht lehnte die Klage auf Entgeltfortzahlung ab.

Womit müssen Arbeitnehmer bei einer vorgetäuschten Arbeitsunfähigkeit rechnen?


Täuscht ein Arbeitnehmer seine Arbeitsunfähigkeit nur vor, riskiert er die fristlose Kündigung seines Arbeitsverhältnisses. Eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hat in diesem Fall keinen Beweiswert mehr. Dies entschied das Hessische Landesarbeitsgericht (Az. 6 Sa 1593/08) im Fall eines Arbeitnehmers, der sich eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen ließ und gleichzeitig Schwarzarbeit anbot. Als dies aufflog, kündigte der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis fristlos. Zu Recht, weil der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber seine arbeitsvertraglich vereinbarte Arbeitsleistung vorenthielt, so die hessischen Richter.

Wie lange erhält ein kranker Arbeitnehmer weiter Lohn?


Ein arbeitsunfähig erkrankter Arbeitnehmer, der länger als vier Wochen beschäftigt ist, erhält für bis zu sechs Wochen Lohnfortzahlung von seinem Arbeitgeber – soweit per Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung keine günstigere Regelung für den Arbeitnehmer getroffen wurde.

Dieser gesetzliche Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ist auch dann auf die Dauer von sechs Wochen beschränkt, wenn während bestehender Arbeitsunfähigkeit eine neue Krankheit auftritt und der Arbeitnehmer aufgrund dieser Erkrankung erneut nicht arbeitsfähig ist. Dies entschied das Bundesarbeitsgericht (Az. 5 AZR 505/18) und stellt klar, dass ein neuer Entgeltfortzahlungsanspruch nur dann entsteht, wenn die erste Erkrankung zum Zeitpunkt der neuen Erkrankung beendet war.

Der Anspruch auf Lohnfortzahlung kann entfallen, wenn die Arbeitsunfähigkeit vom Arbeitnehmer selbst verschuldet wurde. Das ist der Fall, wenn ein Arbeitnehmer in erheblichem Maße gegen das von einem verständigen Menschen in seinem eigenen Interesse zu erwartende Verhalten verstößt. Bei einem alkoholabhängigen Arbeitnehmer fehlt es suchtbedingt, auch im Fall eines Rückfalls nach einer Therapie, regelmäßig an einem solchen Verschulden, entschied das Bundesarbeitsgericht (Az. 10 AZR 99/14).

Ab einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als sechs Wochen zahlt die Krankenkasse Krankengeld an den erkrankten Arbeitnehmer. Krankengeld kann maximal 78 Wochen innerhalb von drei Jahren bezogen werden.

Wichtig: Der Erhalt von Krankengeld hängt nicht von einem ausgefüllten Krankenschein ab, stellt das Sozialgericht Leipzig (Az. S 22 KR 75/16) klar. Im zugrundeliegenden Fall hatte der behandelnde Klinikarzt die Arbeitsunfähigkeit zwar festgestellt und diese der Krankenkasse mitgeteilt, dazu aber nicht das Formular Krankenschein verwendet. Das war auch nicht erforderlich, so die Leipziger Richter. Zudem müsse der Arzt auch nicht zwingend eine Kassenzulassung haben.

Steht in der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kein voraussichtliches Ende der Erkrankung des Arbeitnehmers, sondern bescheinigt der Arzt eine AU bis auf weiteres, kann die Krankenkasse nicht davon ausgehen, dass der Wiedervorstellungstermin beim Arzt das Ende der Erkrankung darstellt. Sie ist weiterhin zur Zahlung des Krankengelds verpflichtet, entschied das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz (Az. L 5 KR 254/14).

Aufgepasst: Wer seiner Krankenkasse die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu spät einreicht, verliert seinen Anspruch auf Krankengeld. Dies entschied das Sozialgericht Detmold (Az. S 3 KR 824/16) im Fall einer Arbeitnehmerin, die ihre AU erst nach vier Wochen bei ihrer Krankenkasse vorlegte.

Wichtig ist für den fortlaufenden Bezug von Krankengeld, dass der Arbeitnehmer vor Ablauf der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung eine neue Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegt, ansonsten kann die Zahlung von Krankgeld unterbrochen werden, so das Sozialgericht Stuttgart (Az. S 19 KR 2728/11) und das Sozialgericht Detmold (Az. S 5 KR 518/12 und S 3 KR 824/16). Erfolgt eine verspätete Vorlage der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung aber aufgrund eines Bürofehlers beim behandelnden Arzt, kann das nicht zu Lasten des Arbeitsnehmers gehen. Der Anspruch auf Krankengeld geht nicht verloren, so das Sozialgericht München (Az. S 7 KR 1719/19). Auch das Landessozialgericht Darmstadt (Az. L 1 KR 125/20, L 1 KR 179/20) stellt klar, dass Krankengeld weitergezahlt werden muss, wenn die verspätete Vorlage der AU darauf beruht, dass der Arbeitnehmer aufgrund eines Organisationsverschuldens des Arztes einen neuen späteren Termin wahrnehmen muss.

Nach Auffassung des Sozialgerichts Detmold (Az. S 5 KR 266/17) darf der Arbeitnehmer sich auf die rechtzeitige Übermittlung der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vom Arzt an die Krankenkasse verlassen.

Darf oder muss man trotz Krankschreibung weiter arbeiten?


Es ist gesetzlich nicht verboten, trotz ärztlichem Attest weiterhin zur Arbeit zu gehen, solange der Arbeitnehmer dies freiwillig tut. Auch in diesem Fall ist der Arbeitnehmer kranken- und unfallversichert. Verlangt der Arbeitgeber allerdings, dass der Arbeitnehmer trotz Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seine Arbeit wieder aufnimmt, verstößt er gegen seine Fürsorgepflicht und macht sich unter Umständen schadensersatzpflichtig.

Das Bundesarbeitsgericht (Az. 10 AZR 596/15) entschied letztinstanzlich, dass ein arbeitsunfähiger Arbeitnehmer nicht zum Personalgespräch im Betrieb erscheinen muss. Er habe die Pflicht während seiner Arbeitszeit an einem Personalgespräch teilzunehmen. Diese Arbeitspflicht bestehe aber nicht im Krankheitsfall. Der Arbeitgeber darf zwar während der Arbeitsunfähigkeit Kontakt mit dem Arbeitnehmer aufnehmen, etwa um zu besprechen, wie es nach der Krankheit weitergeht, aber nur wenn ein berechtigtes Interesse gegeben ist. Ein Erscheinen des arbeitsunfähigen Arbeitnehmers im Betrieb kann der Arbeitgeber nicht verlangen.

Darf man trotz Arbeitsunfähigkeit in Urlaub fahren?


Krankgeschriebene Arbeitnehmer haben die Pflicht alles zu unternehmen, um bald wieder arbeiten zu können. Trägt ein Urlaub etwa nach Ansicht eines Arztes zur Genesung bei, spricht eine Arbeitsunfähigkeit nicht dagegen. Der Urlaub darf allerdings eine Genesung nicht negativ beeinflussen.

erstmals veröffentlicht am 01.06.2015, letzte Aktualisierung am 12.05.2022

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