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Kategorie: Anwalt Arbeitsrecht , 22.04.2021 (Lesedauer ca. 3 Minuten, 994 mal gelesen)

Welche Rechte und Pflichten haben Arbeitnehmer im Krankheitsfall?

kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen kranke Frau liegt niesend im Bett mit Grippesymptomen © freepik - mko

In Deutschland ist ein Arbeitnehmer im Durchschnitt rund 18 Tage im Jahr krankgeschrieben – Tendenz steigend. Wie muss sich ein Arbeitnehmer im Krankheitsfall verhalten? Wann muss er den Chef informieren? Ist immer eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung notwendig? Darf man trotz Krankschreibung arbeiten? Oder in Urlaub fahren? Und wie lange erhalten kranke Arbeitnehmer weiterhin ihren Lohn?

Arbeitgeber im Krankheitsfall sofort informieren!


Arbeitnehmer haben im Krankheitsfalle die arbeitsrechtliche Pflicht ihren Arbeitgeber umgehend über ihre Erkrankung und die voraussichtliche Dauer der Erkrankung zu informieren. Dies kann per Telefon; SMS oder E-Mail geschehen. Ist ein Arbeitnehmer selbst nicht mehr in der Lage den Arbeitgeber zu unterrichten, muss er dies etwa durch Angehörige erledigen lassen.

Wann muss man eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen?


Ein Arbeitgeber kann vom Arbeitnehmer im Krankheitsfall vom ersten Tag der Krankheit an eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung (AU) mit der voraussichtlichen Dauer der Erkrankung verlangen. Dies hat das Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen 5 AZR 886/11) entschieden. Begründung: Es steht im Ermessen des Arbeitgebers, wann er die Vorlage einer Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung verlangt. Er kann dies bereits ohne Begründung am ersten Tag der Erkrankung des Arbeitnehmers tun. Dafür ist es nicht notwendig, dass der Arbeitgeber in der Vergangenheit eine Krankheit vorgetäuscht hat.

In der Regel wird aber erst eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung nach drei Krankheitstagen vom Arbeitgeber verlangt.

Aufgepasst: Wer trotz Aufforderung keine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung beibringt, riskiert eine Abmahnung und im wiederholten Fall sogar eine fristlose Kündigung des Arbeitsverhältnisses.

Vorsicht: Bei vorgetäuschter Arbeitsunfähigkeit droht fristlose Kündigung!


Täuscht ein Arbeitnehmer seine Arbeitsunfähigkeit nur vor, riskiert er die fristlose Kündigung seines Arbeitsverhältnisses. Eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung hat in diesem Fall keinen Beweiswert mehr. Dies entschied das Hessische Landesarbeitsgericht (Aktenzeichen 6 Sa 1593/08) im Fall eines Arbeitnehmers, der sich eine ärztliche Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung ausstellen ließ und gleichzeitig Schwarzarbeit anbot. Als dies aufflog, kündigte der Arbeitgeber das Arbeitsverhältnis fristlos. Zu Recht, weil der Arbeitnehmer dem Arbeitgeber seine arbeitsvertraglich vereinbarte Arbeitsleistung vorenthielt, so die hessischen Richter.

Wie lange erhält ein kranker Arbeitnehmer Lohnfortzahlung?


Ein arbeitsunfähig erkrankter Arbeitnehmer, der länger als vier Wochen beschäftigt ist, erhält für bis zu sechs Wochen Lohnfortzahlung von seinem Arbeitgeber – soweit per Arbeitsvertrag, Tarifvertrag oder Betriebsvereinbarung keine günstigere Regelung für den Arbeitnehmer getroffen wurde.

Dieser gesetzliche Anspruch auf Entgeltfortzahlung im Krankheitsfall ist auch dann auf die Dauer von sechs Wochen beschränkt, wenn während bestehender Arbeitsunfähigkeit eine neue Krankheit auftritt und der Arbeitnehmer aufgrund dieser Erkrankung erneut nicht arbeitsfähig ist. Dies entschied das Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen 5 AZR 505/18) und stellt klar, dass ein neuer Entgeltfortzahlungsanspruch nur dann entsteht, wenn die erste Erkrankung zum Zeitpunkt der neuen Erkrankung beendet war.

Der Anspruch auf Lohnfortzahlung kann entfallen, wenn die Arbeitsunfähigkeit vom Arbeitnehmer selbst verschuldet wurde. Das ist der Fall, wenn ein Arbeitnehmer in erheblichem Maße gegen das von einem verständigen Menschen in seinem eigenen Interesse zu erwartende Verhalten verstößt. Bei einem alkoholabhängigen Arbeitnehmer fehlt es suchtbedingt, auch im Fall eines Rückfalls nach einer Therapie, regelmäßig an einem solchen Verschulden, entschied das Bundesarbeitsgericht (Aktenzeichen 10 AZR 99/14).

Ab einer Arbeitsunfähigkeit von mehr als sechs Wochen zahlt die Krankenkasse Krankengeld an den erkrankten Arbeitnehmer. Krankengeld kann maximal 78 Wochen innerhalb von drei Jahren bezogen werden.

Steht in der Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung kein voraussichtliches Ende der Erkrankung des Arbeitnehmers, sondern bescheinigt der Arzt eine AU bis auf weiteres, kann die Krankenkasse nicht davon ausgehen, dass der Wiedervorstellungstermin beim Arzt das Ende der Erkrankung darstellt. Sie ist weiterhin zur Zahlung des Krankengelds verpflichtet, entschied das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz (Aktenzeichen L 5 KR 254/14).

Aufgepasst: Wer seiner Krankenkasse die Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung zu spät einreicht, verliert seinen Anspruch auf Krankengeld. Dies entschied das Sozialgericht Detmold (Aktenzeichen S 3 KR 824/16) im Fall einer Arbeitnehmerin, die ihre AU erst nach vier Wochen bei ihrer Krankenkasse vorlegte.

Darf man trotz Krankschreibung arbeiten?


Es ist gesetzlich nicht verboten, trotz Krankschreibung weiterhin zur Arbeit zu gehen, solange der Arbeitnehmer dies freiwillig tut. Auch in diesem Fall ist der Arbeitnehmer kranken- und unfallversichert. Verlangt der Arbeitgeber allerdings, dass der Arbeitnehmer trotz Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung seine Arbeit wieder aufnimmt, verstößt er gegen seine Fürsorgepflicht und macht sich unter Umständen schadensersatzpflichtig.

Darf man trotz Arbeitsunfähigkeit in Urlaub fahren?


Krankgeschriebene Arbeitnehmer haben die Pflicht alles zu unternehmen, um bald wieder arbeiten zu können. Trägt ein Urlaub etwa nach Ansicht eines Arztes zur Genesung bei, spricht eine Arbeitsunfähigkeit nicht dagegen. Der Urlaub darf allerdings eine Genesung nicht negativ beeinflussen.



erstmals veröffentlicht am 01.06.2015, letzte Aktualisierung am 22.04.2021

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