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Kategorie: Anwalt Versicherungsrecht , 20.12.2021 (Lesedauer ca. 5 Minuten, 399 mal gelesen)

Wer haftet bei Wintersport-Unfällen?

Wer haftet bei Wintersport-Unfällen? © freepik - mko

Ob Ski, Snowboard, Langlauf, Big Foot oder Rodeln: Beim Wintersport kommt es immer wieder zu schweren Unfällen mit zum Teil drastischen gesundheitlichen Folgen für den Wintersportler. Welche Regeln müssen Wintersportler beachten? Wer haftet bei einem Zusammenstoß auf der Ski-Piste? Und was gilt bei Rodel-Unfällen?

FIS-Regeln: So müssen sich Wintersportler auf der Piste verhalten!


Der Internationale Skiverband hat für Wintersportler folgende verbindliche FIS-Regeln aufgestellt: (Hinweis: Mit „Skifahrer“ ist auch jeder andere Wintersportler gemeint.)
„1. Rücksichtsnahme
Jeder Skifahrer muss sich so verhalten, dass er keinen anderen gefährdet oder schädigt oder ihn in der Ausübung seiner Tätigkeit einschränkt.

2. Beherrschung der Geschwindigkeit und der Fahrweise
Jeder Skifahrer muss auf Sicht fahren. Er muss seine Geschwindigkeit und seine Fahrweise seinem Können und den Gelände-, Schnee- und Witterungsverhältnissen sowie der Verkehrsdichte anpassen.

3. Wahl der Fahrspur
Der von hinten kommende Skifahrer muss seine Fahrspur so wählen, dass er vor ihm fahrende Skifahrer nicht gefährdet.

4. Überholen
Überholt werden darf von oben oder unten, von rechts oder links, aber immer nur mit einem Abstand, der dem überholten Skifahrer für alle seine Bewegungen genügend Raum lässt.

5. Einfahren und Anfahren
Jeder Skifahrer, der in eine Skiabfahrt einfahren, nach einem Halt wieder anfahren oder hangaufwärts schwingen oder fahren will, muss sich nach oben und unten vergewissern, dass er dies ohne Gefahr für sich und andere tun kann.

6. Anhalten
Jeder Skifahrer muss es vermeiden, sich ohne Not an engen oder unübersichtlichen Stellen einer Abfahrt aufzuhalten. Ein gestürzter Skifahrer muss eine solche Stelle so schnell wie möglich freimachen.

7. Aufstieg und Abstieg
Jeder Skifahrer, der aufsteigt oder zu Fuß absteigt, muss den Rand der Abfahrt benutzen.

8. Beachten der Zeichen
Jeder Skifahrer muss Markierung und Signale beachten.

9. Hilfeleistung
Bei Unfällen ist jeder zur Hilfeleistung verpflichtet.

10. Ausweispflicht
Jeder Skifahrer und Snowboarder, ob Zeuge oder Beteiligter, ob verantwortlich oder nicht, muss im Falle eines Unfalles seine Personalien angeben."

Ski und Snowboard: Wer haftet bei Unfällen?


Bei der Frage, wer für einen Ski- oder Snowboard-Unfall haftet, ist für die Gerichte die Beachtung der FIS-Regeln wichtig.

Ein Snowboardfahrer trägt bei einem Unfall mit einem Skifahrer eine höhere Haftungsquote, so das Landgericht Bonn (Aktenzeichen 1 O 484/04). Begründung: Ein Snowboardfahrer stellt ein höheres Gefährdungspotential dar. Das Gericht wendete ebenfalls die FIS-Regel 1 (allgemeine Sorgfaltspflicht) und 4 (Sichtfahrgebot mit angepasster Geschwindigkeit) an. Beide Wintersportler haben es laut Gericht an der nötigen Sorgfalt fehlen lassen. Dennoch treffe der Snowboardfahrer aufgrund seiner Aufpralldynamik und schweren Steuerung ein höheres Haftungsrisiko.

Bei einem Unfall auf der Skipiste haftet allein der von oben kommende Skifahrer, so dass Landgericht Ravensburg (Aktenzeichen 4 O 185/05). Begründung: Der hintere Fahrer muss die Fahrspur und die Geschwindigkeit so wählen, dass der vor ihm fahrende Fahrer nicht gefährdet wird (FIS-Regel Nr. 3).

Ein Skifahrer haftet für einen Kollision, wenn er unmittelbar vor dem Zusammenstoß zum Linksschwung ansetzte und dann beim Ausfahren der Kurve leicht bergauf fuhr. Er verletzt laut Landgericht Frankenthal (Aktenzeichen 7 O 141/19) die FIS-Regel Nr. 5, wonach er sich beim hangaufwärts fahren nach oben und unten vergewissern muss, dass keine Unfallgefahr besteht.

Auch das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 27 U 209/00) zog zur Beurteilung eines Skiunfalls die FIS-Regeln heran. Eine Familie war von der Seite in den Hang hineingefahren und rammte ein von oben kommenden schussfahrenden Skifahrer und verletzte eine weitere Skifahrerin schwer. Die Familie hätte nach den FIS-Regeln (Nr. 5) am Rande der Piste stehenbleiben und warten müssen, bis alle von oben kommenden Skifahrer vorbeigefahren sind. Für den Skiunfall trug die Familie die volle Haftung.

Auch für den Langlauf gelten die FIS-Regeln. Eine Langläuferin, die aufgrund eines in die Loipe ragenden Skistocks, zu Fall kam und sich verletzte, erhält keinen Schadensersatz, so das Oberlandesgericht Jena (Aktenzeichen 7 U 741/95). Die Langläuferin habe das „Sichtfahrgebot“ der FIS-Regeln (Nr. 2) für Langläufer missachtet, das wie bei den Alpinläufern zum rechtzeitigen Halt vor einem Hindernis verpflichtet.

Häufig kommt es am und im Skilift zu Unfällen. So im Fall einer Skifahrerin, die während der Fahrt mit einem Doppelschlepplift stürzte und sich das Handgelenk brach. Sie machte ihren Mitfahrer für den Sturz verantwortlich. Dieser sei schräg vor ihr mit seinen Skiern in die Lift-Spur gefahren und habe auf ihren Ski-Enden gestanden. Ihre Klage vor dem Landgericht Coburg (Aktenzeichen 22 O 600/11) blieb ohne Erfolg, da die Frau ihre Version vom Unfallhergang mehrmals während des Prozesses änderte. Das Gericht konnte keinen Verstoß des Mitfahrers gegen die allgemeinen FIS-Verhaltensregeln des internationalen Skiverbandes feststellen.

Wichtig zu wissen: Ein Skifahrer darf auf der Skipiste stehen bleiben, um sich ein Bild über den weiteren Pistenverlauf zu machen. Fährt ein anderer Skifahrer in ihn hinein, haftet dieser alleine für die Unfallfolgen. So das Oberlandesgericht Dresden (Aktenzeichen 7 U 1994/03).

Draußen oder in der Halle: Was gilt für Unfälle beim Rodeln?


Unfälle passieren auch beim Schlitten oder Bob fahren. Ein Gast, der auf einem Taxi-Bob von einem ausgebildeten Bobfahrer gefahren wurde, gab an am Ende der Fahrt einen Schlag auf seine Wirbelsäule erhalten zu haben. Tatsächlich wurde bei dem Mann eine Wirbelsäulenverletzung festgestellt. Dennoch erhielt er keinen Schadensersatz, entschied das Landgericht Arnsberg (Aktenzeichen 2 O 456/02). Unebenheiten auf dem Eis seien typische Gegebenheiten auf Bobbahnen, damit müssten Bobfahrer rechnen- genauso wie mit Erschütterungen.

Ebenso entschied das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 13 U 120/98), das die Klage einer Rodelfahrerin abwies, die sich auf einem vereisten Rodelhang verletzte. Die Frau machte den Betreiber des Rodelhangs dafür verantwortlich, er hätte den Hang sperren müssen. Nein, entschied das Gericht. Die Frau sei selbst verantwortlich dafür welche Gefahren sie bei einer Rodelabfahrt eingehen wolle.

Ist der Rodelhang allerdings so angelegt, dass man über ein Hindernis schießt und sich dabei verletzt, haftet der Betreiber des Hanges. So das Oberlandesgericht Nürnberg (Aktenzeichen 6 U 1812/00). Das Gericht stellte klar, dass auch für Rodler die FIS-Regeln gelten.

Nach einem Urteil des Oberlandesgerichts Hamm (Aktenzeichen 9 U 129/06) stellt ein willkürlich angelegter Sprunghügel in einer Hallenrodelbahn eine atypische Gefahr dar, vor der der Betreiber der Anlage warnen muss. Unterlässt er die Warnung, verletzt er seine Verkehrssicherungspflicht und muss für die Unfallfolgen haften. Da aber der Rodler kein wintertaugliches Schuhwerk mit entsprechenden Profilsohlen trug, die er zum Bremsen benötigt hätte und er eigenen Angaben bei den schlechten Sichtverhältnissen in der Halle zu schnell fuhr, trifft ihn eine Mitschuld.

Zwei weitere Urteile des Oberlandesgerichts Hamm zeigen aber, dass Rodeln an sich auf eigene Gefahr der Wintersportler erfolgt. Im ersten Fall entschieden die Hammer Richter (Aktenzeichen I-9 U 81/10), dass ein Rodler bevor er die Piste mit dem Schlitten hinab saust, prüfen muss, ob die Rodelpiste zum Rodeln geeignet ist. Darüber hinaus muss er immer mit Unebenheiten im Boden rechnen. In einem anderen Fall urteilte das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 13 U 120/98), dass ein Pistenbetreiber nur bei außergewöhnlicher Gefährlichkeit haftet.

erstmals veröffentlicht am 08.02.2013, letzte Aktualisierung am 20.12.2021

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