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Kategorie: Anwalt Versicherungsrecht , 27.04.2021 (Lesedauer ca. 4 Minuten, 937 mal gelesen)

Sturz auf Gehweg - Wann haftet die Kommune?

Sturz auf Gehweg - Wann haftet die Kommune? © Angelika Bentin - Fotolia

Unebenheiten auf einem Gehweg, lose Gehwegplatten oder lockere: Für Passanten gibt es viele Stolperfallen auf einem Gehweg. Wer ist für die Verkehrssicherheit auf Gehwegen zuständig? Wer haftet bei einem Sturz eines Fußgängers? Und wie urteilen die Gerichte im Einzelfall?

Wer ist für die Verkehrssicherungspflicht bei Gehwegen zuständig?


Die Verkehrssicherungspflicht für Gehwege trägt der Straßenbaulastträger, somit die Kommune. Sie hat die Pflicht alle ihr zumutbaren und notwendigen Vorkehrungen zu treffen, damit es auf einem Gehweg nicht zu Unfällen kommt. Dabei ist die Kommune nicht verpflichtet jede abstrakte Gefahr zu verhindern, sondern nur solche Gefahren, die nach allgemeiner Verkehrsauffassung eines verständigen Menschen erforderlich sind, um andere vor Unfällen und Schäden zu schützen.

Wann haftet die Kommune für den Sturz eines Fußgängers?


Die Kommune muss nicht für eine absolute Sicherheit auf allen Gehwegen sorgen und bei jedem Sturz eines Passanten haften. Für die Frage, ob sie ihre Verkehrssicherungspflicht verletzt hat, ist unter anderem entscheidend, ob die Gefahrenquelle für den Fußgänger erkennbar und wie hoch der Niveauunterschied zwischen Gehplatten oder Bordsteinkante war.

Kann die Kommune nachweisen, dass sie ihrer Kontrollpflicht in angemessenen Zeitabständen nachgekommen ist, scheidet eine Haftung für einen Sturz eines Fußgängers aus, entschied das Oberlandesgericht Hamm (Aktenzeichen 11 U 72/19) und stellt klar, dass Gehwege nicht ständig völlig frei von Gefahrenstellen sein können. Kommunen sind verpflichtet Gehwege zu kontrollieren und bei Schäden entsprechende Sicherungsmaßnahmen zu treffen. Eine wöchentliche Kontrolle reicht nach Ansicht des Gerichts aus. Kommt es trotzdem zu einem Fußgängersturz, haftet die Kommune nicht.

Laut einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Saarbrücken (Aktenzeichen 4 U 146/16) erfüllt die Kommune ihre Verkehrssicherungspflicht, wenn sie einmal im Monat die Gehwege kontrolliert.

Sturz auf Gehwegen - So entscheiden die Gerichte


Trägt ein Passant eine Getränkekiste vor sich und erkennt deshalb Unebenheiten auf einem Bürgersteig nicht und stürzt, haftet dafür nicht die Kommune, entschied das Oberlandesgericht Köln (Aktenzeichen 7 U 298/19). Hätte der Passant den Gehweg im Blick behalten, wäre ihm die Gefahrenstelle aufgefallen und der Unfall hätte vermieden werden können.

Die Kommune haftet auch nicht für den Sturz einer Fußgängerin über einen gut erkennbar lockeren Bordstein, entschied das Landgericht Coburg (Aktenzeichen 22 O 458/13).

Wer nachts joggen geht, muss besonders auf Unebenheiten auf dem Gehweg achten, stellt das Oberlandesgericht Saarbrücken (Aktenzeichen 1 U 31/15) klar und weist die Klage eines gestürzten Joggers über eine trotz Dunkelheit gut erkennbare Unebenheit ab.

Auf älteren abgelegenen Gehwegen müssen Passanten selbst aufmerksam auf Unebenheiten achten. Eine 3 cm hohe Bodenverwerfung aufgrund von Baumwurzeln ist für einen Fußgänger gut erkennbar. Stürzt er trotzdem, löst dies keine Haftung des Straßenbaulastträgers aus, entschied das Oberlandesgericht Brandenburg (Aktenzeichen 2 U 29/08).

Trennt die Kommune einen Gehweg mit einer gut erkennbaren Kette zwischen zwei Metallpfosten von einer stark befahrenen Verkehrsstraße ab, haftet sie nach einer Entscheidung des Oberlandesgericht Nürnberg (Aktenzeichen 4 U 47/20) nicht für den Sturz eines achtjährigen Kindes, das diese Kette übersah. Nach Auffassung des Gerichts war die Kette für das Kind bei gebotener Aufmerksamkeit nicht zu übersehen.

Kommt ein Passant zu Fall, weil ein Bordstein am Gehweg fehlt, führt das nicht zu einer Haftung der Kommune, entschied das Oberlandesgericht Saarbrücken (Aktenzeichen 4 U 110/14). Im Bordsteinbereich muss ein Fußgänger laut Gericht besonders aufmerksam sein.

Beträgt der Niveauunterschied zwischen zwei Waschbetonplatten auf einem Gehweg rund 1,5 cm führt dies nicht zu einer Amtshaftung der Kommune, wenn ein Fußgänger deshalb stürzt, entschied das Landgericht Coburg (Aktenzeichen 41 O 271/13). Ein Fußgänger muss auf Gehwegen mit Bodenunebenheiten von bis zu 2,5 cm rechnen und entsprechende Umsicht walten lassen.

Ebenso entschied das Landgericht Magdeburg (Aktenzeichen 10 O22/11) im Fall einer Fußgängerin, die auf einem Gehweg über einen 1 cm hohen Rohrstumpf stolperte und fiel. Bei dem Sturz hat sich laut Gericht ein allgemeines Lebensrisiko verwirklicht, was nicht ausgeschaltet werden kann.

Das Landgericht Osnabrück (Aktenzeichen 5 O 3922/04) wies die Schmerzensgeldklage einer Fußgängerin, die über eine 5 cm hochstehende Gehwegplatte stürzte ab. Auch wenn die Kommune verpflichtet sei Niveauunterschied von mehr als 2 cm auszubessern, scheide hier eine Verletzung der Verkehrssicherungspflicht aus, da die hervorstehende Gehwegplatte für die Passantin gut erkennbar und damit ein Unfall bei der notwendigen Umsicht vermeidbar war.

Bei einem Niveauunterschied von 5 bis 7 cm zwischen den Gehwegplatten und einer schlechten Beleuchtung, haftet die Kommune im Falle eines Sturzes, entschied das Oberlandesgericht Dresden (Aktenzeichen 1 U 98/18), da der Gehweg ansonsten einen ordentlichen Eindruck machte, so dass ein Fußgänger nicht von derartigen Unebenheiten ausgehen musste. Die betroffene Kommune muss dem gestürzten Fußgänger 10.000 Euro Schadensersatz zahlen.

Nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm (Aktenzeichen 9 U 43/04) haftet die Kommune auch für eine Stolperfalle in Form einer 1,7 cm hohen Kante auf einem Marktplatz und muss der gestürzten Passantin Schadensersatz zahlen.

Bei einem Wochenmarkt in einer Fußgängerzone ist die Kommune verpflichtet Passanten auf Stufen hinzuweisen, unterlässt sie das, haftet sie auf Schadensersatz und Schmerzensgeld, so das Oberlandesgericht Celle (Aktenzeichen 8 U 123/17).

Die Kommune haftet ebenfalls bei einem Sturz eines Fußgängers über hervorstehende Bodenhülsen in einem geteerten Weg, entschied das Landgericht Coburg (Aktenzeichen 22 O 588/08) und sprach der gestürzten Passantin 2.400 Euro Schadensersatz zu.

Stürzt eine Passantin in einer Fußgängerzone auf einer regennassen Messingplatte, muss die Kommune für Schadensersatz und Schmerzensgeld aufkommen, entschied das Schleswig-Holsteinisches Oberlandesgericht (Aktenzeichen 11 U 167/13). Bei einer bekannten Rutschgefahr bestehe für die Kommune bei Regenwetter eine gesteigerte Verkehrssicherungspflicht.

Der Bundesgerichtshof (Aktenzeichen III ZR 240/11) stellt klar, dass eine Kommune für den Sturz einer Fußgängerin auf einem stark verwitterten und verfallenen, unebenen Gehweg haftet. Sie kann sich nicht darauf berufen, dass eine Instandhaltung des Gehwegs aufgrund enger finanzieller Verhältnisse nicht möglich ist.





erstmals veröffentlicht am 18.03.2014, letzte Aktualisierung am 27.04.2021

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