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Kategorie: Anwalt Verkehrsrecht , 27.07.2021 (Lesedauer ca. 3 Minuten, 47 mal gelesen)

Autounfall – Wer ist zu welchem Teil schuld?

Autounfall – Wer ist zu welchem Teil schuld? © freepik - mko

Nach einem Autounfall ist nicht immer sofort klar, wer Schuld daran hat. Es gibt Fälle, da haftet nur ein Unfallbeteiligter für den Crash. In anderen Fällen sind beide Verkehrsteilnehmer gleichermaßen oder zu unterschiedlichen Anteilen schuld, wenn es gekracht hat. Wer haftet für einen Autounfall? Wann liegt eine Mitschuld vor? Und wie entscheiden die Gerichte im Einzelfall?

Zuerst: Richtiges Verhalten an der Unfallstelle


Kommt es zu einem Autounfall ist der Schock bei allen Beteiligten meist groß. Doch für die Klärung der Schuldfrage ist jetzt das richtige Verhalten an der Unfallstelle wichtig. Neben der Versorgung möglicher Verletzter oder Sichern der Unfallstelle, sollte zu Beweiszwecken die Polizei verständigt werden und ein Unfallbericht mit Fotos und Zeugenaussagen angefertigt werden.

Lesen Sie ausführlich, wie man sich nach einem Autounfall richtig verhält, in unserem Rechtstipp „Autounfall – Was tun?“.

Wann trifft einen Unfallbeteiligten keine Schuld?


Es gibt Autounfälle bei denen ein Unfallbeteiligter keine Schuld trifft. So etwa bei einem Auffahrunfall, bei dem der auffahrende Autofahrer den notwendigen Sicherheitsabstand nicht eingehalten hat, oder wenn ein ordnungsgemäß geparktes Auto angerempelt wurde.

Nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofs (Aktenzeichen VI ZR 6/15) und des Landgerichts Heidelberg (Aktenzeichen 1 S 6/16) ist eine Autofahrerin völlig schuldlos an einem Unfall, wenn sie beim Rückwärtsfahren rechtzeitig bremst und bei der Kollision mit dem anderen Fahrzeug steht. Damit habe die Autofahrerin ihre Pflicht zur Vermeidung von Unfällen erfüllt.

Wann haften beide Unfallbeteiligte?


Auch wenn die Schuldfrage auf den ersten Blick klar ist, kann das Verhalten beider Unfallparteien zum Crash geführt haben. In diesen Fällen entscheidet die Schwere des Verstoßes, zu welchem Anteil jeder Unfallbeteiligte Schuld trägt. Im Verhältnis der ermittelten Mitschuld erfolgt dann die Schadensregulierung durch die Versicherung. Meist muss gerichtlich entschieden werden, zu welchen Teilen die Mitschuld verteilt wird.

In der Regel ist der Rückwärtsfahrende aufgrund der erhöhten Sorgfaltspflicht an einem Unfall schuld. Dies gilt aber nicht, wenn beide Fahrzeuge rückwärts zusammenknallen. Das Landgericht Heidelberg (Aktenzeichen 2 S 8/14) sprach einer aus einer Parkgarage rückwärtsfahrenden Autofahrerin ein Drittel der Schuld am Unfall mit einem Autofahrer zu, der rückwärts auf der Fahrspur fuhr, als es zum Zusammenstoß kam.

Wer schneller als die Richtgeschwindigkeit von 130 km/h fährt, muss immer mit einer Mitschuld an einem Unfall rechnen. So verurteilte das Landgericht Coburg (Aktenzeichen 12 O 421/05) einen Autofahrer, der mit 200 km/h unterwegs war und schuldlos mit einem Auto zusammenstieß, das plötzlich von der rechten auf die linke Fahrspur wechselte, zu einer 20prozentigen Mitschuld.
Bei Unfällen mit Radfahrern haben Autofahrer in der Regel schlechte Karten, da sie mit einem regelwidrigen Verhalten des Radfahrers rechnen müssen. So trägt nach einer Entscheidung des Oberlandesgerichts Hamm (Aktenzeichen 9 U 12/98) ein Autofahrer zur Hälfte Mitschuld an einem Unfall mit einem Radfahrer, der verbotenerweise den Radweg in falscher Fahrtrichtung nutzt.

Verkehrsteilnehmer dürfen sich nicht auf den Blinker eines Fahrzeugs verlassen. Bei einem nach rechtsblinkenden Auto, das doch geradeaus fuhr und mit einem Motorrad zusammenstieß, haftet der Motorradfahrer für den Unfall mit, so das Oberlandesgericht Dresden (Aktenzeichen 4 U 1354/19). Nur wenn neben dem Blinken noch eine Tendenz zum Abbiegen vorgelegen hat, durfte der Motorradfahrer auf den Blinker vertrauen.

Wann ist nur ein Unfallbeteiligter verantwortlich?


Kommt es zu einem Auffahrunfall ist in der Regel der Auffahrende alleine für den Unfall verantwortlich, weil er den notwendigen Sicherheitsabstand nicht eingehalten hat.

Autofahrer, die verbotenerweise im Stau auf einer Autobahn den Seitenstreifen nutzen und dort mit einem anderen Fahrzeug zusammenstoßen, sind ebenfalls allein am Unfall schuld, entschied das Amtsgericht Recklinghausen (Aktenzeichen 55 C 210/13).

Fährt ein Autofahrer ordnungsgemäß an einem parkenden Auto vorbei und kommt es aufgrund einer sich überraschend öffnenden Autotür zu einem Zusammenstoß, haftet der Autofahrer, der die Tür öffnete, entschied das Landgericht Stuttgart (Aktenzeichen 13 S 172/14). Der Autofahrer musste nicht mit dem überraschenden Öffnen der Tür rechnen.

Kein Schuldanerkenntnis nach einem Autounfall!


Im Schock nach einem Autounfall kommt es immer wieder vor, dass ein Unfallbeteiligter die Schuld zugibt, bzw. ein schriftliches Schuldanerkenntnis unterschreibt. Hiervon ist dringend abzuraten. Auch wenn die Schuldfrage auf den ersten Blick klar zu sein scheint, ist dies an der Unfallstelle für alle Beteiligten schwer einzuschätzen. Liegt ein Schuldanerkenntnis vor, kann es passieren, dass die Haftpflichtversicherung nicht zahlt.

Wichtig zu wissen: Niemand ist verpflichtet ein Schuldanerkenntnis abzulegen!

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